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Hugo Mujica wurde 1942 in Buenos Aires geboren. Er studierte Kunst, Philosophie, Anthropologie und Theologie. Diese Studienfächer spiegeln sich in seinem Werk wider, das sowohl Philosophie wie Anthropologie beinhaltet, die Erzählkunst der Mystik und vor allem die Poesie.

Zu seinen herausragenden essayistischen Büchern gehören “Origen y destino” (1987), “La palabra Inicial” (1995), “Flecha en la niebla” (1997), “Poéticas del vacío” (2002), “Lo naciente” (2007), “La casa y otros ensayos” (2008), “La pasión según Georg Trakl” (2009), “El saber del no saberse” (2014) und “Dioniso. Eros creador y mística pagana” (2016). “Solemne y mesurado” (1990) und “Bajo toda la lluvia del mundo” (2008) sind seine zwei Erzählbände.

Seine Gedichte wurden seit 1983 in Argentinien, Spanien, Italien, Frankreich, Mexiko, den USA, Chile, Portugal, Bolivien, Venezuela, Uruguay, Kolumbien, Griechenland, Rumänien, Israel und Bulgarien veröffentlicht. Im Jahr 2005 hat Seix Barral seine Gedichtsammlung in “Poesía completa. 1983 – 2004” veröffentlicht. Sein Gedichtband “Cuando todo calla”, für den er die Auszeichnung “XIII Premio Casa de América de Poesía Americana” erhielt, erschien 2013. 2016 wurde sein neues Buch “Barro Desnudo“ veröffentlicht.

2013-2015 hat der Verlag   “Vaso Roto” (Mexiko –Spanien) fast sein gesamtes poetisches Werk, wie auch seine essayistischen und erzählerischen Texte in “Del crear y lo creado”, veröffentlicht.

Sein Leben und seine Reisen haben ihn zu seinem Werk inspiriert. Entscheidende Etappen waren die 60-er Jahre, die er als Künstler in Greenwich Village in New York verbrachte. Viele Impulse stammen auch aus seinem siebenjährigen Aufenthalt als Mönch im Schweigeorden der Trappisten, wo er mit dem Schreiben begonnen hat.

 

WEIßE FORMEN (FORMAS BLANCAS)

In einem Brachfeld,
über dem Staub und dem
Unterholz

ein sterbender Vogel
lindert seine Flügel.

Eine Wolke, gleichgültig,
spielt
die eigenen weißen Formen.

Am Ende wird auch mein Mund die
Erde füllen,

am Ende küsst man immer
was man verrät.

IM DUNKLEN (EN LO OSCURO)

Briese, und
die Bäume wogen,

                Mitten im Dunklen
der Lindenduft spricht zur Linde.

Die, die gingen kehrten zurück,
sie schlafen.

Nachts,
einsam, was geboren, redet,
was entschläft, horcht.

UNTER DEN DÄCHERN (BAJO LOS TECHOS)

Unter den Dächern
hört man die Träume atmen
im Schweigen der Nacht;

auf der Straße

ein Kind,
ohne Schatten noch Ziel,

bereist die göttliche Leere, Schritt für Schritt
in den Ursprung seine Hoffnung.

ZWISCHEN DER NACHT UND DER DÄMMERUNG (ENTRE LA NOCHE Y
EL ALBA)

Zwischen dem Dach und dem Himmel

die Leere der
Vögel,

         die Sehnsucht vom Regen.

Zwischen der Nacht und
der Dämmerung

die unmögliche Begegnung jeden Lebens:
in der Umarmung der Seele das Fehlen.

BARFÜSSIG (DESCALZO)

Mondlose Nacht,
jemand, barfüssig,
durchquert die Wüste.

Über mancher Spur wacht die Nacht,
Manche Nacktheit löscht das Licht.

KINDHEIT (INFANCIA)

Es regnet
und dem Baum wiegen die Blätter schwer,
dem Rosenstrauch die Blüten.

Es regnet
und der Garten duftet nach Kindheit,

nach der Nähe all der Wunder
nach der Abwesenheit all der Erinnerungen.

VERLASSEN (ABANDONO)

Zwischen der geballten Hand
und der die sich öffnet
faltet sich ein Leben auf.

Nur der Tod ist uns nicht fremd,
nur das so sehr eigene entspringt uns aus dem Verlassen.

ANKÜNDIGUNG (ANUNCIO)

Es dunkelt Herbst,

Wind
hin und wieder furcht ein Blatt
mein Fenster;

hin und wieder kündigt sich etwas an
in der wankelmütigen Schönheit in
jedem gefallenen Blatt.

GLANZ (RESPLANDOR)

Nachts,
im Gehen,

sah ich den Augenblick eines Blitzes
über dem Wasser auf der Straße,

ich schloss die Augen
und, weiß und unermesslich, und ebenso ruhig,
entfachte ein Morgen.

WAS MAN UNS GAB (LO QUE SE NOS HA DADO)

an manchen Tagen, wenn es Abend wird, erzählt uns
das Leben
etwas von der Gnade die wir erhalten

von dem was andere verschwiegen.

in manchen Nächten entfacht so manch
eine Spur:

ein Glühen in der Erinnerung, eine Grille
jenseits des Fensters
oder eine jener Blumen,
die erblüht
wenn die anderen bereits schlafen.

es sind jene Nächte, die in der Stille das Leben
enthüllen das ich empfing
ohne, dass es mir zustand,
gewaltsam:

das ohne warum und weshalb,
einfach Sein und Wunder.

UFER (ORILLAS)

draußen bellt ein Hund

seinen Schatten an, sein Echo,
oder den Mond,
und die Entfernung wäre weniger grausam.

immer schließt man eine Tür
um zu fliehen,
Wüste ist die Nacktheit, die nicht versprochen ist

die Ferne ist
nah zu sein ohne zu berühren
wie der Saum der gleichen Wunde.

nach innen kein Raum für das Innen,

nicht mit meinen Augen
sehe ich mir in die Augen,
immer sind es fremde Lippen,
die meinen Namen ankündigen.

INNEN DIE NACHT UND ICH OHNE SCHLAF (NOCHE ADENTRO Y NO
DUERMO)

von weitem, an einem Abend
an dem der Herbst
ein Ort in meiner Brust ist,
gehen langsam die Fenster an,

ich sehne mich
dort zu sein wo ich einmal angekommen
von neuem jenseits wäre.

die Augen schmerzen vom ausschweifenden Traum in die Weite

angesichts des Undenkbaren
so viel Leben denken,
das ich nie umarmte,
so viel Schuld, dass ich nicht geboren.

eins nach dem anderen erlöschen die Lichter,

es ist der Grenzweg einer und einer anderen Nacht,
die zarte Beziehung
der Furcht und der Hoffnung.

der letzte Tag könnte dieser endende sein,
diese Nacht,
in der ich noch immer schreibe

gleich, jedoch ohne neue Abwesenheit,
um weiter zu hoffen.

BIS ANS ENDE (HASTA EL FINAL)

ich sah einen toten schwarzen Hund
auf der Straße
erdrückt inmitten des Gehsteigs, befleckt,
es schneite.

ich sah leben, eben dort,
und nichts weiter gab es: die Rechtfertigung
des Unschuldigen: für alles bezahlt er.

ich fühlte das Leben im Schnee und sah mich sterben
wie ein Tier, das sich wehrt
bis zum letzten Moment

bis zum Begehren ausgelöscht zu werden,

bis zum letzten Seufzer,
der um Vergebung für alles fremde Verbrechen bittet
und Gott vergibt.

NUR VOR EINIGEN TAGEN (HACE APENAS DÍAS)

nur vor einigen Tagen starb mein Vater,
nur vor so langer Zeit.

fiel er schwerelos,
wie die Lider nachts
oder ein Blatt
wenn der Wind nicht fortnimmt, wiegt.

heute regnet es nicht wie sonst
heute fällt der Regen zum ersten Mal
auf den Marmor seines Grabes.

unter jedem Regen
könnte ich es sein der ruht, ich weiß jetzt,
jetzt, als ich im anderen starb.

ZU DIESER STUNDE IM LEBEN (A ESTA HORA DE LA VIDA)

alles schläft auf der anderen Seite der Fensterscheibe,

auch innen dunkel, dunkel
und leer

wie in einem verlassenen
Haus
– ohne es fertig zu stellen,

wie die Nacht von jemandem
nie der reine Schatten ist.

im Herz einer anderen Nacht
betastete ich meine Brust
und ihre Jahrhundertschwere und bloß hohl
war sie.

ein unbewohntes Haus
von denen die noch vor dem Zusammenbruch
sterben.

zu dieser Stunde des Lebens
werden aus dem Fehlenden
die Satten geboren,

in die ich mich nie begab
wo ich für immer niemandem gehören werde.

EIN STÜCK HUNGER, EIN GLAS WASSER (UN PEDAZO DE HAMBRE,
UN VASO DE AGUA)

treu dem Menschlichen,

dem was die Arme
wiegen können,
der Freude
über das was die Hände fassen können,

der verstummten Hoffnung,
die bedeutet die Lippen nicht zu verkneifen.

treu einem Glas Wasser und
einem Stück Hunger
aufgetaucht mit einem anderen Körper,

treu Schluck für Schluck, Hunger nach Hunger.

treu der Scham vor nur einem Zeichen,
nur dem Abgrund
des anderen
wenn die Stille
die Haut, die uns trennt, schweigen macht.

treu der Grenze als Mensch zu sterben,
der Umarmung des Nichts
denn dieses Umarmen erfüllte.

NACKTE ERDE (TIERRA DESNUDA)

es gibt Tage da reicht es nicht auszusprechen

barfüßig ging ich, die Erde zu spüren,
die Blätter,
den kalten Morgen.

unter einem gebückten Baum unter dem Lauf
so vieler Winde

(hohl und ausgetrocknet
vom Biegen der Äste)
fühlte ich mein Leben:

ich erzitterte den Reif, das Geheime, die Leere
was ich tat, ich fiel, ich umarmte
den Baumstamm
und weinte die Schönheit
vermischte mein Salz
mit der nackten Erde.

es wird Abend,
der letzte,
wir werden die Worte schweigen
mit denen wir die Stücke des Lebens
auffädeln:

kommt die Nacht
und das Schweigen zurückkehrt
werden wir das Ende des Herzschlags hören.

DAS OFFENE (LO ABIERTO)

Still fällt der Regen,
das Offene strömt.

Der Regen fällt, fällt auf
das Warten,

im Fall ist der Regen sein eigener Weg
und der Weg seine Ankunft.

Man muss wagen das Offene und den Fall:
die Wüste des Durstes
nicht den Durst der Wüste.

IN TIEFER NACHT (EN PLENA NOCHE)

Auch in tiefer Nacht
schmilzt der Schnee
weiß

und der Regen
büßt
nicht ein, fällt transparent.

Sie, die Nacht,
die uns befreit von dem Widerbild,

die uns die Pupillen
weitet.

Der Blinde mit seinem Stock sucht
das Licht, nicht den Weg.

WIND IM WIND (VIENTO EN EL VIENTO)

Wind im Wind,

                  es regnet auf dem Meer,
und weder steigt noch sinkt das Wasser.

Nackt ist sich jedes Antlitz:
Einschnitt ist immer vollkommener Einschnitt.

STADTRAND (AFUERAS)

Die Tür mitten in Feld:
Feldrain und Brücke zwischen zwei Stadtränder.

Der Rand von Wagnis ist kein Ufer, es ist das Leben,
am Rande jedes Lebens.

IM INNEREN DURST (SED ADENTRO)

Den Mund offen in den Regen
und das Wasser taucht die Seele ab.

Im Inneren Durst
bis dorthin wo das Meer austrocknet in Nacht
bis dorthin wo der Durst erwacht in Strand.

ABREISE FÜR ABREISE (PARTIDA A PARTIDA)

I.

Ohne Kleidung geboren,
keimt man auf

nackt kommt man an:
Abreise für Abreise.

II.

Wenn man nirgends gehen kann
nicht weil uns niemand erwartet,

man kann nirgends zurück:
der Tod ist außerhalb geboren werden.

SCHNEE IM WIND (NIEVE AL VIENTO)

Schneeflocken im Wind,
fallen aus ihrem jetzt
fallen auf das hier und da.

Wenn kein gestern, wenn
heute Vergessen ist
und es nichts gibt um von morgen zu träumen:
nur ist was immer da ist,
gibt es das Geborenwerden.

LANGSAM (LENTAMENTE)

Geschützt in der Nacht
einer Kirche

nagt eine Ratte an den Füßen
der Statue
des Engels.

Draußen regnet’s
auf ein verlassenes Mannequin
auf einem Platz.

Langsam
(wie der Regen fällt)
löst sich
der Knoten.

Am Rande werden die Abgründe sichtbar.

Die Ränder auslöschend
öffnet sich die Rose.

BETTTÜCHER IM VOLLEN WIND (SÁBANAS A PLENO VIENTO)

Schwarz gekleidete Nonnen
hängen graue Betttücher
in den Wind,

in den Schatten dessen,
was nicht da ist,
ein Kind sinnt über den Ablauf
jeden Lebens nach:

Auf seiner Spieldose
dreht sich eine Ballerina
nach sieben fast gleichen Noten.

Draußen ist kein Ort ein Ort,
alles ist Bühne;

draußen ist es kalt
und drinnen jeder Schutz ist schattig.

Im Hospiz flattern
die Betttücher im Winde,
trocken,

wie die Haut derer, von denen sie kommen.

WEISSE SIGNALE (SEÑALES BLANCAS)

Auf dem Strand

grüßen mit weißen Tüchern
die nächsten
Seefahrer.

Sie schwenken Tücher
zum transparenteren Meer hin,

ein Spiegel ohne Belag, eine Seele
ohne Fleisch,

ewig und nutzlos,
wie ein Gesicht ohne Falten,
ein Körper ohne Narben,
eine Statue
ohne Moos.

Gestrandet in ihrem eigenen Bug,
verabschieden
sie das leere Boot,

sie sind wie immer,
die Ewigen:
die das Leben zu retten suchen,
ohne es zu leben,

es sind die weißen Signale,
denen sie sich unterwerfen
im prallen Leben.

BLAUE WÜSTE (DESIERTO AZUL)

Auf dem Meer
spiegelt sich immer
der Himmel,

aber auf dem Himmel
kein Meer.

Blaue Wüste der Blick
des Kindes:

weil wir sterben
müssen,
fehlt uns sogar die Kindheit.

IN FINSTRER NACHT (EN PLENA NOCHE)

Auch in finstrer Nacht
schmilzt
der Schnee weiß

und der Regen
fällt,
ohne seine Transparenz zu verlieren.

Sie ist es, die Nacht,
die uns vom Widerschein befreit,

die uns die Pupillen
erweitert.

Das, was der Blinde mit seinem Stock sucht,
ist das Licht, nicht der Weg.

FLÜCHTIGER STERN (ESTRELLA FUGAZ)

Jedem Wald
seine Blätter im Wind,

jedem Leben sein
Warten:
sein weißes Betttuch in Wellen
nachts
unter einem fallenden Stern.

ERWACHEN UND SCHWEIGEN (AMANECER Y CALLO)

Erwachen und
schweigen;

ich schweige die ganze Angst und jede
Vorahnung:

suche einen Morgen, von mir unberührt,
suche den Beginn des Lichts
nicht, dass es mich erleuchte.